Corporate Venturing boomt in der Schweiz: 2023 investierten Konzerne über 2 Milliarden Franken in Startups. Lesen Sie, wie Sie als Unternehmer davon profitieren.
Stellen Sie sich vor, Ihr Startup könnte plötzlich auf das Vertriebsnetz, die Finanzkraft und die Markenbekanntheit eines Schweizer Grosstechnologiekonzerns zugreifen – und gleichzeitig seine unternehmerische Flexibilität bewahren. Genau das ermöglicht Corporate Venturing, und in der Schweiz erlebt dieses Modell einen regelrechten Boom: 2023 investierten hiesige Konzerne über 2 Milliarden Franken in Jungunternehmen – ein Anstieg von 30 Prozent gegenüber 2020. Nestlé, Novartis und UBS gehören zu den aktivsten Corporate-Venture-Capital-Gebern, und die Zahl der spezialisierten Einheiten hat sich seit 2018 auf über 50 verdoppelt. Was bedeutet dieser Trend für Sie als Unternehmer oder Startup-Gründer? Welche Chancen und Fallstricke birgt die Zusammenarbeit mit Milliardenkonzernen? Der folgende Artikel gibt Ihnen einen fundierten Überblick über die aktuellen Entwicklungen, erfolgreiche Beispiele und eine klare Handlungsanleitung, wie Sie selbst von Corporate Venturing profitieren.
1. Der Siegeszug des Corporate Venturing in der Schweiz
Corporate Venturing ist längst kein Nischenphänomen mehr. Schweizer Konzerne haben erkannt, dass sie Innovationen nicht mehr nur intern entwickeln können – sie müssen extern kooperieren, um im globalen Wettbewerb Schritt zu halten. Im Jahr 2023 flossen über 2 Milliarden Franken von etablierten Unternehmen in Startups. Das ist eine Steigerung von 30 % gegenüber 2020, wie eine Studie der Universität St. Gallen zeigt. Besonders aktiv sind dabei Nestlé, Novartis und UBS, die eigene Corporate-Venture-Capital-Fonds betreiben oder strategische Partnerschaften eingehen.
Die Zahl der Corporate-Venturing-Einheiten in der Schweiz hat sich seit 2018 von rund 25 auf über 50 verdoppelt. Dazu gehören nicht nur börsennotierte Konzerne, sondern auch grosse Genossenschaften wie die Migros oder staatliche Betriebe wie die SBB. Jede dieser Einheiten verfolgt eigene Ziele – von der Risikodiversifikation bis zur gezielten Technologieakquise. Der Trend zeigt: Corporate Venturing ist zu einem festen Bestandteil der Schweizer Innovationslandschaft geworden.
2. Warum Schweizer Grosskonzerne auf Startup-Kooperationen setzen


Die Motive der Grosskonzerne sind vielfältig. In einer Umfrage gaben rund 70 % der Schweizer Unternehmen an, dass der Zugang zu disruptiven Technologien der Hauptgrund für ihre Venture-Investments sei. Doch es geht um mehr als nur um Technologie:
- Zugang zu disruptiven Technologien: Konzerne wie die Migros steigen über Corporate Venturing in völlig neue Felder ein – etwa in Health-Tech, um das Kerngeschäft zu ergänzen und neue Umsatzquellen zu erschliessen.
- Diversifikation: Durch Beteiligungen an Startups können Konzerne ihre Abhängigkeit von angestammten Märkten verringern. Beispielsweise investiert die Axpo in Clean-Tech-Startups, um sich für eine kohlenstoffarme Zukunft aufzustellen.
- Talentakquise: Partnerschaften mit Startups ermöglichen den Zugang zu jungen, agilen Teams und Führungskräften. Viele Konzerne nutzen Accelerator-Programme, um frühzeitig Talente zu identifizieren und langfristig an sich zu binden.
Ein weiterer, oft unterschätzter Grund ist die Kulturveränderung: Die Zusammenarbeit mit Startups bringt frischen Wind in bürokratische Strukturen und fördert eine agilere Denkweise. Das zeigt sich etwa bei der UBS, die mit dem UBS Launchpad nicht nur Fintechs fördert, sondern auch interne Innovationsprozesse beschleunigt.
3. Erfolgreiche Beispiele aus der Schweiz
Die Praxis beweist: Corporate Venturing funktioniert. Drei Beispiele aus unterschiedlichen Branchen verdeutlichen das Potenzial:
Nestlé und Prelief – KI für pflanzliche Milchalternativen
Nestlé, der grösste Nahrungsmittelkonzern der Welt mit Hauptsitz in Vevey, hat eine strategische Partnerschaft mit dem Schweizer Biotech-Startup Prelief geschlossen. Prelief nutzt künstliche Intelligenz, um pflanzliche Proteine effizienter zu identifizieren und zu verarbeiten. Gemeinsam entwickelten sie neue pflanzliche Milchalternativen, die geschmacklich und texturiel näher an Kuhmilch herankommen als bisherige Produkte. Nestlé profitiert von der Technologie, Prelief von den globalen Vertriebswegen und der Marktexpertise des Konzerns – ein klassisches Win-Win.
Novartis und Pear Therapeutics – digitale Therapien gegen Sucht
Der Basler Pharmariese Novartis investierte über seinen Venture-Capital-Arm 50 Millionen Franken in das US-Startup Pear Therapeutics, das eine App zur Behandlung von Suchterkrankungen entwickelt hatte. Pear Therapeutics erhielt als erstes Unternehmen weltweit eine FDA-Zulassung für eine verschreibungspflichtige digitale Therapie. Novartis sicherte sich nicht nur eine Beteiligung, sondern auch eine Vertriebspartnerschaft für den europäischen Markt. Obwohl Pear Therapeutics später in finanzielle Schwierigkeiten geriet, zeigt das Beispiel, wie ein Konzern frühzeitig in einen vielversprechenden Sektor investieren kann.
UBS Launchpad – der Fintech-Beschleuniger
Die UBS hat mit ihrem Accelerator-Programm UBS Launchpad über 20 Fintech-Startups gefördert. Eines der erfolgreichsten ist Contovista, ein Schweizer Startup, das Finanzdaten visualisiert und personalisierte Budgetanalysen bietet. Heute zählt Contovista über 100'000 Nutzer und arbeitet eng mit der UBS zusammen. Für die UBS war das Programm nicht nur ein Imagegewinn, sondern auch eine effiziente Methode, um kundennahe Innovationen zu testen, ohne selbst grosse Entwicklungsrisiken eingehen zu müssen.
4. Risiken und Herausforderungen für beide Seiten



So vielversprechend Corporate Venturing ist, so gross sind auch die Hürden. Eine Studie der Universität St. Gallen zeigt, dass nur rund 30 % der Corporate-Venturing-Investments eine positive Rendite erzielen. Die grössten Herausforderungen:
- Kulturkonflikte: 60 % der Startup-Gründer berichten von bürokratischen Hürden in der Zusammenarbeit mit Konzernen. Entscheidungswege sind lang, Risikoaversion hoch – das bremst agile Startups aus. Umgekehrt fühlen sich Konzernmitarbeiter oft von der «Chaos-Mentalität» der Startups überfordert.
- Hohe Fehlerquote: Die erwähnte Studie der Universität St. Gallen belegt, dass die Mehrheit der Venture-Investments scheitert. Viele Konzerne überschätzen die Synergien oder unterschätzen die Zeit, die für eine erfolgreiche Integration benötigt wird.
- Abhängigkeiten: Kleine Startups riskieren, ihre Identität zu verlieren, wenn sie zu stark von einem Konzern abhängig werden. Sie passen ihre Produkte zu früh den Bedürfnissen des Partners an und vernachlässigen den eigenen Markt. Zudem können sich Konzerne bei einer strategischen Neuausrichtung plötzlich zurückziehen.
Um diese Risiken zu minimieren, empfehlen Experten klare vertragliche Regelungen, flexible Governance-Strukturen und eine offene Kommunikation. Auch die Wahl der richtigen Partner ist entscheidend: Startups sollten darauf achten, dass der Konzern nicht nur Finanzmittel, sondern auch echten strategischen Mehrwert bietet.
5. Zukunftsausblick: Trends im Schweizer Corporate Venturing
Der Corporate-Venturing-Markt in der Schweiz entwickelt sich dynamisch. Drei Trends zeichnen sich besonders ab:
Nachhaltigkeitsfokus
Immer mehr Konzerne setzen auf Clean-Tech-Startups. Die Axpo beispielsweise investiert gezielt in Solarstrom-Speicherlösungen und Wasserstofftechnologien. Auch die Migros engagiert sich im Bereich Kreislaufwirtschaft. Der Druck durch Regulierungen und die Nachfrage nach grünen Produkten treibt diese Entwicklung an.
Künstliche Intelligenz
2024 flossen rund 40 % der Corporate-Venture-Gelder in KI-Startups, vor allem in den Bereichen Health (Diagnostik, personalisierte Medizin) und Finance (automatisierte Beratung, Betrugserkennung). Unternehmen wie Novartis nutzen KI, um Wirkstoffkandidaten schneller zu identifizieren – und suchen dafür Partner aus der Startup-Szene.
Dezentrale Innovation
Statt alles auf den Hauptsitz zu konzentrieren, bauen Konzerne wie die SBB regionale Innovationshubs in Zürich, Bern und Lausanne auf. Diese Hubs bieten Co-Working-Spaces, Veranstaltungen und direkten Zugang zu Konzernmentoren. Das erleichtert Startups den Einstieg und fördert den Austausch über Branchengrenzen hinweg.
6. So profitieren Sie als Unternehmer von Corporate Venturing
Corporate Venturing ist kein Selbstläufer. Wer als Startup erfolgreich mit einem Grosskonzern kooperieren will, muss strategisch vorgehen. Hier die wichtigsten Schritte:
- Überlegen Sie, ob Ihr Startup eine strategische Ergänzung zu einem Schweizer Grosskonzern bietet. Fragen Sie sich: Welches Problem löst meine Technologie für den Konzern? Passt mein Produkt in dessen Portfolio oder eröffnet es ein neues Geschäftsfeld? Ohne einen klaren Fit wird es schwierig, Interesse zu wecken.
- Bereiten Sie eine klare Value Proposition vor. Zeigen Sie konkret, wie Ihre Technologie, Ihr Team oder Ihr Geschäftsmodell den Konzern stärkt. Nutzen Sie Fallstudien, Prototypen oder Pilotprojekte, um den Mehrwert zu belegen. Vermeiden Sie vage Versprechungen.
- Nutzen Sie Plattformen wie «Startupticker.ch» oder die «Swisscom Startup Challenge», um erste Kontakte zu knüpfen. Diese Netzwerke vermitteln gezielt zwischen Startups und Konzernen. Auch Pitch-Events und Accelerator-Programme sind ideale Einstiegspunkte – etwa das «Zürich Innovation Hub» oder das «Basel Area Business & Innovation Center».
- Bleiben Sie unabhängig: Verhandeln Sie Bedingungen, die Ihre Autonomie schützen. Streben Sie eine Minderheitsbeteiligung oder eine zeitlich befristete Partnerschaft an, bevor Sie sich langfristig binden. Ein gesunder Mix aus Eigenkapital und Konzernfinanzierung gibt Ihnen die nötige Flexibilität.
Corporate Venturing bietet Ihnen als Unternehmer eine einzigartige Chance: Sie erhalten nicht nur Kapital, sondern auch Zugang zu Netzwerken, Know-how und Märkten, die allein kaum erreichbar wären. Die Beispiele von Prelief, Pear Therapeutics und Contovista zeigen, dass aus Kooperationen echte Erfolgsgeschichten entstehen können – wenn beide Seiten bereit sind, auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten.
Sind Sie bereit, den nächsten Schritt zu wagen? Besuchen Sie jetzt die Plattform Startupticker.ch oder bewerben Sie sich für die nächste Swisscom Startup Challenge – Ihr nächster Partner wartet bereits.



